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Haag


Jüdische Gemeinde im Haag (1780 – 1933)



Bis 1780 lebten die Juden in Haigerloch in der Ober- und Unterstadt verstreut, größtenteils zur Miete, da ihnen der Hauserwerb immer wieder erschwert oder auch ganz untersagt worden war. Sie bildeten eine eigene Gemeinde, an deren Spitze der vom Fürsten eingesetzte Judenschultheiß oder "Barnas" stand.



Der Schutzbrief von 1780 und das Entstehen des jüdischen Wohnviertels Haag

Das Jahr 1780 bildete eine tiefe Zäsur in der Haigerlocher jüdischen Geschichte. In seinem Schutzbrief verfügte Fürst Karl Friedrich, dass alle Juden ohne eigenes Haus in der Stadt, sich im Haagviertel niederzulassen hätten. Das Haagschlössle war als "Haag-Guth" ein seit dem 13. Jahrhundert nachgewiesener Freihof. 1749 kaufte der Fürst das Gut aus Privatbesitz und begann mit dem Abbruch des alten Anwesens und dem Bau einer kleinen Schlossanlage. Von dieser Anlage wurden vier Gebäude errichtet, welche heute noch erhalten sind: das Haagschlössle (Im Haag 37), der Reitstall (Im Haag 31), die Küche (Im Haag 39) und das Wachhaus (Im Haag 23). Die vier Gebäude umrahmen einen freien Platz, in dessen Mitte ein Lustschlösschen geplant und begonnen wurde. Wenige Jahre später wurde an der Stelle des nie vollendeten Lustschlösschens die Synagoge errichtet. Nach dem Tod des Fürsten Josef Friedrich stand das Haagschlössle ab 1769 leer und verfiel zunehmend.

Die Ansiedlung der ersten Juden zur Miete im Haagschlössle und den drei Nebengebäuden erfolgte ausschließlich um die verwahrloste Anlage zu verwerten. Hierzu ließ sich der Fürst die notwendigen Baumaßnahmen für zehn Wohnungen von den Juden vorfinanzieren, anschließend vermietete er die Gebäude an die Juden. Von den zehn Familien, die in die Wohnungen einzogen, stammten allerdings nur vier aus der Stadt Haigerloch, die anderen waren neu hinzugekommen. Man kann daher eigentlich nicht von einer Umsiedlung der Juden aus der Stadt ins Haag sprechen. Bis 1795 erhöhte sich die Zahl der in der Stadt verbliebenen Juden auf 22 Familien.

Bereits im Schutzbrief von 1780 war den Juden die Errichtung weiterer Gebäude zugestanden worden, die in den folgenden Jahren auch errichtet wurden: Eine jüdische Herberge hinter dem Haagschlössle, die später als Armenhaus genutzt wurde, sowie eine ebenfalls dort 1785 errichtete Metzgerei.

Die erwähnte Zunahme der Schutzjuden bis 1795 führte offenbar zu sehr beengten Wohnverhältnissen. Ab 1797 gestattete der Fürst den Wohnungsbau auf Pachtbasis: Er überließ den Juden einen Bauplatz, auf welchem diese mit eigenem Geld ein Gebäude errichteten, dessen Besitzer blieb der Fürst. Die Juden wohnten in dem von ihnen errichteten Gebäude gegen einen jährlichen Bodenzins. So entstanden in den folgenden Jahren eine ganze Reihe von Gebäuden. 1813 verkaufte der Fürst einen Teil der Haaggärten und 1815 schließlich das gesamte Haag an die Judengemeinde für 3000 fl, zahlbar in sechs Jahresraten. Damit war das 100jährige Verbot des Häusererwerbs durch die Juden aufgehoben. Entscheidend ist, dass mit diesem Schritt die Schutzjuden zu tatsächlichen Eigentümern ihrer Häuser wurden. Im nördlichen Bereich des Haags wurden sofort mit dem Bau mehrerer Wohngebäude begonnen. Um 1850 war die bauliche Entwicklung im Haag im Wesentlichen abgeschlossen. Bis zum Endes des jüdischen Wohnviertels Haag 1942 gab es kaum noch größere Baumaßnahmen.

Im Haag entstand ab 1780 die "Infrastruktur" einer lebendigen jüdischen Gemeinde: 1783 wurde eine Synagoge eingeweiht sowie in deren unmittelbarer Nähe eine Mikwe eingerichtet. 1803 wurde direkt an das Wohnviertel angrenzend ein neuer Friedhof angelegt. Seit 1820 bestand in Haigerloch ein eigenständiges Rabbinat, seit 1823 eine jüdische Elementarschule. Im Feuerkataster von 1825 sind auch eine Gemeindebackküche und ein Armenhaus aufgeführt. 1844 baute die jüdische Gemeinde ein dreigeschossiges Gemeindehaus, in dem die Schule und die Wohnungen des Rabbiners und des jüdischen Lehrers untergebracht waren. 1845 wurde eine neue Mikwe errichtet. Eine Metzgerei ("Judenmetzig") und eine Mazzenbäckerei waren vorhanden. Auch ein jüdisch geführtes Gasthaus gab es im Wohnviertel, zuletzt bis 1939 das Gasthaus "Rose".



Die Emanzipation der Juden in Haigerloch

Bis weit in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts lebten die Juden als "Schutzjuden" in Haigerloch, deren Rechte und Pflichten sich überwiegend aus den jeweiligen Schutzbriefen ergaben. Sie standen außerhalb des christlichen Untertanenverbandes. Durch die Aufklärung mit ihren Idealen der menschlichen Freiheit und Würde rückten auch die Juden und ihre rechtliche Stellung stärker in den Blickpunkt. Auch im Fürstentum Hohenzollern-Sigmaringen, zu dem Haigerloch gehörte, setzte jetzt die Emanzipation der Juden ein. In einer Bittschrift des Jahres 1829 begehrten die Haigerlocher Juden keine bloße Verlängerung des Schutzbriefes, sondern verlangten die allgemeine Gleichstellung mit den Christen.

Die Verfassung von Hohenzollern-Sigmaringen von 1833 war ein ersten Schritt in diese Richtung. Die Gewissensfreiheit wurde für alle Religionen garantiert. Versagt blieben den Juden aber die vollen staatsbürgerlichen Rechte und das passive Wahlrecht zum Landtag.

Eine grundlegende Neuordnung der rechtlichen Verhältnisse der Juden brachte ein "Landesfürstliches Gesetz, die staatsbürgerlichen Verhältnisse der israelitischen Glaubens-Genossen betreffend" vom 9. August 1837. Mit diesem Gesetz wurden aus "Schutzjuden" fürstliche Untertanen. Sie waren allen bürgerlichen Gesetzen unterworfen und hatten die gleichen Pflichten und Leistungen zu tragen wie die christlichen Untertanen. Doch die völlige rechtliche Gleichstellung mit den Christen war immer noch nicht erreicht. Erst in Vollziehung der in der Frankfurter Paulskirche beschlossenen Verfassung des Deutschen Reiches vom 28. März 1849 bestimmte eine fürstliche Verordnung vom 16. Mai 1849 die Aufhebung aller noch bestehenden Beschränkungen der Juden gegenüber den Christen. Formalrechtlich war die Emanzipation damit in Haigerloch abgeschlossen.



Gesetzestext Verordnung der fürstl. Landesregierung vom 16.5.1849

Nach dem Übergang der Fürstentümer Hohenzollern-Hechingen und Hohenzollern-Sigmaringen an Preußen 1850 trat insofern eine Verschlechterung ein, als durch die revidierte preußische Verfassung die christliche Religion de facto zur Staatsreligion erklärt worden war, und somit jede Übernahme von Juden in Staatsämter verhindert werden konnte. Erst ein Gesetz des Norddeutschen Bundes von 1869, das nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs als Reichsgesetz übernommen wurde, brachte 1871 formalrechtlich die völlige Gleichstellung der Juden mit den Christen.



Entwicklung der jüdischen Bevölkerungszahlen

Die Zahl der Juden in Haigerloch dürfte vom 16. bis 18. Jahrhundert ziemlich konstant bei fünf bis zehn Familien gelegen haben. Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nimmt die Zahl der Schutzjuden zu. Obwohl im Schutzbrief von 1745 die Zahl auf zehn Familien begrenzt blieb, erhöhte sich deren Zahl bis 1773 auf 17 Schutzjudenfamilien. Zuzüglich zu den seit 1780 im Haag lebenden Familien lebten 1795 noch weitere 22 jüdische Familien in der Stadt. 1836 lebten bereits 305 Juden in Haigerloch, und der Höchststand der jüdischen Bevölkerung war 1858 mit 397 Personen erreicht, was einem Anteil von rund 32 % der Gesamtbevölkerung entsprach. Schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts setzt eine rückläufige Entwicklung bei der jüdischen Bevölkerung ein.

Durch Abwanderung in die größeren Städte und durch eine Auswanderung nach Übersee erhofften sich viele Juden bessere Möglichkeiten zur wirtschaftlichen Entfaltung. In den Jahren der Naziherrschaft emigrierte eine beträchtliche Zahl. Nach der Volkszählung von 1910 lebten noch 260 Juden in Haigerloch, im Januar 1933 waren es noch 193 Juden, was rund 14 % der Gesamtbevölkerung entsprach. 1942 gab es keine Juden mehr in Haigerloch.



Die Berufe der Juden

Den Juden war die Aufnahme in die Zünfte verwehrt und so konnten sie auch kein „zünftiges Handwerk” lernen. Sie waren daher fast ausschließlich auf den Handel als Erwerbsquelle beschränkt. Lediglich als Metzger, Bäcker oder Gastwirt waren auch Juden zu treffen. Innerhalb des Handels kam dem Viehhandel eine wichtige Bedeutung zu. Das Gewerbekataster von 1858 führt 26 Viehhändler auf, neun weitere Viehhändler handelten zusätzlich noch mit anderen Waren (Lumpen, Leder, Metall). Weitere 14 jüdische Händler betrieben Handelsgeschäfte mit Textilwaren, Nähutensilien, Leder, Pelzwaren, Lumpen und Rosshaar. Auch das Ausleihen von Geld gegen Zins sowie das Beleihen von Pfändern gehörte zum jüdischen Erwerbsleben. Ein nicht zu unterschätzender Faktor war die Betätigung der Juden als wandernde Händler, welche die Bevölkerung auf dem Lande mit Waren versorgten. Eine Geschäftspraktik, die gerade von der bäuerlichen Bevölkerung sehr geschätzt wurde, ersetzte sie doch die mühseligen Einkäufe in der Stadt, was vor allem in der Erntezeit bedeutungsvoll war. Als die Juden 1837 zu den Handwerksberufen zugelassen wurden, blieben sie überwiegend bei den hergebrachten Berufen.

Noch im 20. Jahrhundert war das Verhaftetsein der Juden in den traditionellen Händlerberufen deutlich sichtbar. Das 1935 erschienene NS-Verzeichnis "Deutscher kauf nicht beim Juden" führte für Haigerloch 39 Geschäftsbetriebe auf, von den lediglich vier keine Handelsunternehmungen waren: 22 Viehhandlungen, 3 Kolonialwarenhändler, 3 Manufakturwarenhandlungen, 2 Häute- und Fellhandlungen, 1 Textilwarengeschäft, 2 Mehlhandlungen, 2 Öl- und Fetthandlungen. Hinzu kamen 1 Matzenbäckerei, 1 Metzger, 1 Gastwirtschaft und 1 Ingenieur.



Jüdische Soldaten im Ersten Weltkrieg

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs schien die völlige Integration der Juden in greifbare Nähe gerückt, bot dieser doch die Gelegenheit, antisemitischen Unterstellungen den Beweis eigener militärischer Tüchtigkeit entgegenzusetzen. Wie bei der nichtjüdischen Bevölkerung auch, diente von den Juden etwa jeder zweite Mann im Alter zwischen 15 und 60 Jahren im Ersten Weltkrieg als Soldat. Über 10.000 jüdische Kriegsfreiwillige meldeten sich zu den Waffen. Für das gesamte Reich betrachtet lag die gesamte Mobilisierungsquote bei der nichtjüdischen und jüdischen Bevölkerung mit jeweils 17 % gleich hoch. Hinsichtlich der Gefallenen waren auf nichtjüdischer Seite 16 %, auf Seiten der jüdischen Teilnehmer 15 % Tote zu beklagen.

Auch aus den Reihen der Haigerlocher Juden diente eine beachtliche Gruppe als Soldaten: Haigerloch hatte 1914 rund 1.200 Einwohner, davon waren etwa 240 Juden. Insgesamt haben 243 Männer im Ersten Weltkrieg als Soldaten gedient, darunter 50 Juden. In Prozenten ausgedrückt ergibt das folgendes Bild: Von der nichtjüdischen Bevölkerung waren 20,1 % eingezogen, von der jüdischen Gruppe 20,8 %. Bei den toten Kriegsteilnehmern weichen die Zahlen etwas voneinander ab: Von den nichtjüdischen Soldaten verloren 30 Männer das Leben (15,5 %). Von den jüdischen Kriegsteilnehmern sind sechs gefallen (12 %), weitere 17 Soldaten wurden verwundet (34 %). 16 jüdische Soldaten erhielten für ihre militärischen Leistungen Auszeichnungen, sieben davon mehrmals.

Ein Haigerlocher Jude, der die nationalsozialistischen Konzentrationslager überlebte, fasste in Erinnerung seines von den Nazis ermordeten Vaters dessen Schicksal 60 Jahre nach der Ermordung bitter zusammen: Nach dem Ersten Weltkrieg habe man auch den jüdischen Soldaten versichert, der Dank des Vaterlandes sei ihnen gewiss. Nur etwas mehr als 20 Jahre später habe man sie verfolgt, vertrieben und ermordet.