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Die jüdische Geschichte bis 1780
Anfänge im 14. Jahrhundert
Haigerloch war über einen Zeitraum von sechs Jahrhunderten Heimat jüdischer
Familien und seit der Neuzeit auch einer jüdischen Gemeinde. Juden sind seit
dem Mittelalter in Haigerloch bezeugt: 1346 wird "Vifelin, der Jude von
Haigerloch" in Rottenburg urkundlich erwähnt. Der Konstanzer Domherr und
Chronist Heinrich von Diessenhofen berichtet in seiner Chronik über eine
Judenverbrennung in Haigerloch am 13. Dezember 1348. Die Zahl der getöteten
Juden ist nicht bekannt. In ganz Europa, vor allem aber in Deutschland, warf
man den Juden vor, schuld am Ausbruch der Pest zu sein. Mit diesem Vorwurf war
die christliche Bevölkerung schnell für ein Vorgehen gegen die Juden zu
gewinnen, und an vielen Orten kam es zu Pogromen.
Im 14. und 15. Jahrhundert scheint sich keine dauerhafte jüdische Ansiedlung
gebildet zu haben. Allerdings werden in den Jahren 1418, 1433 und 1438
vereinzelte Juden in Haigerloch genannt, die zu außerordentlichen Reichssteuern
("Krönungssteuer", "dritter Pfennig") herangezogen werden. Das "Bickelpergsche
Lagerbuch" von 1435 nennt einen "Ysac, Jude von Haigerloch".
Erste dauerhafte Ansiedlung im 16. Jahrhundert
In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts bildete sich in Haigerloch eine
ständig wachsende und sich festigende Gemeinde, die bis in die Zeit der
nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung Bestand hatte. Kurz vor und
nach der Reformation von 1525 aus den Reichsstädten und aus Württemberg
vertrieben, suchten die Juden in den kleineren Reichsherrschaften Zuflucht.
Auch die katholischen zollerischen Grafen boten den Juden die Möglichkeit zur
Niederlassung. Die Zollerngrafen nahmen die Juden freilich nicht aus
Nächstenliebe auf, vielmehr war das jährlich zu entrichtende "Schutzgeld" für
die kleinen Territorien eine bedeutende Einnahmequelle.
"Schutzjuden”
Allzu umfassend war der im Gegenzug von der Herrschaft gebotene "Schutz" nicht:
die Zahl der jüdischen Familien war begrenzt, nur jeweils ein Kind durfte
heiraten, als Berufszweig war den Juden lediglich der Handel erlaubt. Die
Schutzbriefe waren befristet und waren nach Ablauf der Geltungsdauer jeweils
neu zu erwerben.
Der erste bekannte Schutzbrief stammt vom 6. Oktober 1534 und wurde von Graf
Christoph Friedrich von Zollern ausgestellt. Die Juden lebten jetzt als
"Schutzjuden": Sie hatten neben den auch für die christliche Bevölkerung
geltenden Steuern und Abgaben auch noch teuer dafür zu zahlen, dass sie am Ort
geduldet wurden. Aus den Jahren 1595, 1640, 1688, 1700, 1745, 1780 und
letztmals 1805 sind weitere Schutzbriefe für Haigerloch erhalten.
Über die erste kleine Gemeinde ist nicht allzu viel bekannt. Immerhin sind die
Namen einiger Juden namentlich erwähnt: 1546 taucht in einer Renteirechnung ein
"Maier Jud" auf. Er besaß ein Haus in der Oberstadt und einen Acker, für den er
nach dem Urbar von 1547 der Pfarrpfründe in der Unterstadt zinst. Die
Renteirechnung von 1566 nennt einen Juden "Irni Schmei" (Schemajah). Das
Einschätzungsrodel von 1568 führt drei Juden namentlich auf: "Hans Jakob
Aurbach" in der Oberstadt, "Rebecken Jüdin" und "Schmay Jud"2 in der Unterstadt.
Die Gemeinde besaß einen eigenen Friedhof im Wald bei Weildorf, der 1587
erstmals in der Renteirechnung urkundlich erwähnt wird. Im Jahre 1929 war dort
noch ein Grabstein von 1567 erhalten. Eine "Judenschul", d.h. eine Synagoge
wird urkundlich 1595 erwähnt. Der Standort ist nicht bekannt. Es dürfte sich um
einen Betsaal in einem Privathaus gehandelt haben. Noch bis zum Bau einer
Synagoge im Haag wurde dieser (oder ein anderer) Betsaal in der Oberstadt
benutzt.
Zusammenleben von Juden und Christen
In den folgenden Jahrhunderten lebten die Juden und Christen zumeist ohne große
Reibereien nebeneinander. Allerdings beklagen sich die christlichen Bürger
immer wieder über die jüdische Konkurrenz. Besonderen Anstoß erregte das
Betteln, Hausieren und der Wucher der Juden. Da ihnen der Zugang zu den Zünften
verwehrt war, konnte sie kein "zünftiges" Handwerk lernen, und da ihnen auch
der Grunderwerb verboten war, Ackerbau und Viehzucht somit ausschieden, blieb
ihnen nur der Handel als Lebensgrundlage. Als Wanderhändler spielten sie gerade
im ländlichen Raum ein gewichtige Rolle: Sie ersetzten den Dorfbewohnern die
beschwerlichen und in der Erntezeit unmöglichen Einkäufe in der Stadt. Die
Bürger Haigerlochs verlangten daher 1715 die Abschaffung des Judenschutzes, was
eine Vertreibung bedeutet hätte. Dem traten die Dörfer 1720 entschieden
entgegen. Sie verwiesen darauf, dass das Hausieren eine bequeme
Einkaufsmöglichkeit biete und dass die Juden auch Lebensmittel, Rohprodukte und
alte Gebrauchsgegenstände in Gegenrechnung nähmen, die kein Haigerlocher
Kaufmann annähme. Die Absicht der Haigerlocher ziele einzig darauf, die
Konkurrenz der Juden zu beseitigen.
Das Vorbringen der Dörfer trifft genau jenen Vorgang, der in der Geschichte der
Juden immer wieder zu beobachten ist: Die jüdischen Konkurrenten wurden in eine
Nische abgedrängt. Sobald sie sich dort einigermaßen behaupten können,
versuchte man, sie in eine andere Ecke zu drängen oder völlig zu vertreiben.
Nicht wenige christliche Haigerlocher waren bei den Juden verschuldet. Sie
hofften darauf, durch eine Ausweisung der Juden auf bequeme Weise ihre Schulden
los zu werden.
Neben der Stadt agitierte zeitweilig auch der Landesherr gegen die Juden. Fürst
Joseph Friedrich wollte in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Juden aus
Haigerloch ausweisen und gab der Bevölkerung eine entsprechende Zusage. Dennoch
erneuerte er 1745 den Schutzbrief mit der Begründung, die Juden hätten sich in
letzter Zeit untadelig verhalten. 1749 verbot er seinen Schutzjuden das
Heiraten mit dem Ziel, die Juden nach und nach aussterben zu lassen. Das
strenge Heiratsverbot wurde jedoch bald eingeschränkt. Der Fürst zeigte sich
als nüchternen Pragmatiker, der mit den eigentlich nur angedrohten Maßnahmen
wie "Ausweisung" und"Heiratsverbot" einerseits seine christlichen Untertanen
bei der Stange halten wollte, andererseits selbst nicht auf die Schutzgelder
verzichten wollte.
1752 verordnete der Fürst den Juden einen allsonntäglichen Besuch der
katholischen Kirche an. Viel Erfolg war diesem "Missionierungsversuch" indes
nicht beschieden. Die Anordnung wurde alsbald abgemildert. Nur drei Familien
sind zum Christentum übergetreten.
Helmut J. Gabeli / Heinrich Kohring